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Die Ausstellung

Fotografien der Verfolgung der Juden.
Die Niederlande 1940–1945

 
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Die Ausstellung

Am 10. Mai 1940, dem Tag des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in die Niederlande, leben dort 140.000 Juden. Schritt für Schritt führt die deutsche Besatzungsmacht immer härtere anti-jüdische Maßnahmen ein. Zwei Jahre später, am 14. Juli 1942, fährt der erste Deportationszug mit 800 Juden aus Amsterdam in das Durchgangslager Westerbork im Nordosten der Niederlande. Von dort aus erfolgt die Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Von insgesamt 107.000 aus den Niederlanden deportierten Juden werden 102.000 in den nationalsozialistischen Lagern ermordet. Das sind 75% Prozent der jüdischen Bevölkerung – im Verhältnis die höchste Zahl jüdischer Opfer in den vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Ländern Westeuropas. 

Die Ausstellung widmet sich verschiedenen Themen der Verfolgung der Juden in den Niederlanden. Sie beginnt mit einem Blick auf jüdisches Leben in den Niederlanden vor dem Krieg und erzählt anhand von Themen wie „Isolierung und Einschüchterung“, „Die jüdischen Arbeitslager“ und „Die Deportationen“ die Geschichte von den ersten anti-jüdischen Maßnahmen bis zur Vernichtung.

Das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors bietet für Gruppen Führungen durch die Ausstellung in verschiedenen Sprachen an. Nähere Informationen zur Buchung finden Sie auf der Homepage des Dokumentationszentrums: 


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Jüdisches Leben vor dem Krieg

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Jüdisches Leben vor dem Krieg

Vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg gibt es in den Niederlanden eine große und prosperierende jüdische Bevölkerungsgruppe. Die meisten Juden wohnen in Amsterdam, aber auch in der Provinz existieren viele kleine jüdische Gemeinden. Bis 1940 ist offener Antisemitismus in den Niederlanden vergleichsweise schwach ausgeprägt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts leben viele Juden assimiliert und weitgehend integriert in der niederländische Gesellschaft. 

Über 34.000 deutsche und österreichische Juden fliehen nach 1933 beziehungsweise ab 1938 vor der Diskriminierung und der Repression des nationalsozialistischen Regimes in die Niederlande; 24.000 von ihnen bleiben längere Zeit. Die niederländische Regierung bietet diesen Opfern des Nationalsozialismus keine oder kaum Unterstützung. Im Gegenteil: Viele jüdische Flüchtlinge werden an der Grenze als „unerwünschte Fremde“ zurückgeschickt. Eine große Zahl privater, politischer und kirchlicher Organisationen nimmt sich jedoch der Flüchtlinge an und setzt sich für deren Betreuung ein. 

Im Frühjahr 1939 lässt der niederländische Staat das „Zentrale Flüchtlingslager Westerbork“ im Nordosten der Niederlande errichten. Die Kosten sollen von einer jüdischen Hilfsorganisation getragen werden.


Foto:

Sonntags findet in der Uilenburgerstraat in Amsterdam der „Jüdische Markt“ statt, der auch bei vielen Nicht-Juden beliebt ist.

 
Stapf Bilderdienst, NIOD, 1940

Stapf Bilderdienst, NIOD, 1940

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Isolierung und Einschüchterung

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Isolierung und Einschüchterung

Seit dem Herbst 1940 ergreift die deutsche Besatzungsmacht immer mehr Maßnahmen, um die Juden gesellschaftlich und wirtschaftlich zu isolieren. So müssen alle in den Niederlanden wohnenden Juden die Anzahl ihrer jüdischen Großeltern registrieren lassen. Damit bestimmen die Besatzungsautoritäten, wer jüdisch ist – der erste Schritt zu einem totalen Ausschluss aus der Gesellschaft ist vollzogen. Anfang 1941 wird der Straßenterror der niederländischen Nationalsozialisten gegen Juden massiver. Bedrohungen, Vandalismus und Belästigungen sind an der Tagesordnung. Vor allem in Amsterdam kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Juden und der paramilitärischen Weerbaarheidsafdeling / WA (Wehrabteilung) der Nationaal-Socialistische Beweging / NSB (Nationalsozialistische Bewegung). 


Foto:

Viertausend Angehörige der Weerbaarheidsafdeling / WA (Wehrabteilung) der Nationaal-Socialistische Beweging / NSB (Nationalsozialistische Bewegung) auf einem Propagandamarsch durch Amsterdam. Am 9. November 1940 marschieren Angehörige der Weerbaarheidsafdeling / WA – der Miliz und Schlägertruppe der niederländischen nationalsozialistischen Bewegung NSB –, unter Polizeibegleitung provozierend durch das jüdische Viertel. 

 
Stapf Bilderdienst, NIOD, 9 November 1940

Stapf Bilderdienst, NIOD, 9 November 1940

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„Für Juden verboten“

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„Für Juden verboten“

Im Laufe des Jahres 1941 werden zahlreiche anti-jüdische Maßnahmen erlassen. Nach den ersten erzwungenen Umzügen werden Schwimmbäder, Läden, Gaststätten, Parks und andere öffentliche Einrichtungen „Für Juden verboten“. Für die Nutzung von Zug und Straßenbahn brauchen Juden eine Sondergenehmigung. In der Provinz Utrecht verdeutlichen Schilder, dass Juden sich in bestimmten Orten nicht ansiedeln dürfen. Ende Mai 1941 dürfen Juden nur noch in jüdischen Geschäften und auf speziell zugewiesenen Märkten Einkäufe tätigen. Im selben Jahr werden auch verschiedene Maßnahmen durchgeführt, die Juden ihres Eigentums und ihrer wertvollen Besitztümer berauben. In Amsterdam lässt die deutsche Besatzungsmacht von dem Plan ab, ein abgeriegeltes Ghetto zu errichten. In dem Viertel, das im Volksmund „Judenecke“ heißt, werden jedoch Schilder mit Bezeichnungen wie „Jüdisches Viertel“, „Jüdische Straße“ oder „Jüdische Gracht“ angebracht. Die wirtschaftlichen Restriktionen sollen Juden die Arbeit und damit den Lebensunterhalt nehmen und sie in die Armut treiben. Die niederländischen Behörden lassen es geschehen.


Foto:

Die Jüdin Nina van Leer (rechts) steht vor einer diskriminierenden Tafel der Gemeinde Doorn. Deren Aussage „Juden unerwünscht“ ist durch Übermalen der Vorsilbe „un“ in ihr Gegenteil verkehrt: „Juden erwünscht“. Ninas Vater, der Amsterdamer Fabrikant und Kunstsammler Willem Alexander van Leer, stirbt im September 1941 eines natürlichen Todes. Seine Frau Bertha und die drei Töchter Bertha, Meta und Nina werden in den folgenden Jahren deportiert. Nina wird 1945 in Torgau, in der Nähe von Leipzig, von sowjetischen Truppen befreit und kehrt als Einzige der Familie nach Amsterdam zurück.

 
C.P.R. Holtzapffel, NIOD, 1941

C.P.R. Holtzapffel, NIOD, 1941

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Der gelbe Stern

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Der gelbe Stern

Die Einführung des „Judensterns“ Anfang Mai 1942 ist ein weiterer Tiefpunkt in der langen Reihe der anti-jüdischen Maßnahmen. Alle Juden ab sechs Jahren, die sich außerhalb ihrer vier Wände zeigen, müssen dieses gelbe Kennzeichen, auf dem das Wort „Jood“ (Jude) steht, auf ihrer Kleidung tragen. In jüdischen Kreisen reagiert man unterschiedlich auf das Tragen des Judensterns. Manche versuchen, ihre Würde zu wahren und gehen scheinbar lässig darüber hinweg. Andere erfahren es als eine tiefe Demütigung. Für die deutsche Besatzungsmacht ist die Einführung des Judensterns ein wesentlicher Schritt in der Vorbereitung der geplanten Deportationen, denn dazu müssen die Juden als solche erkennbar sein. Auffällig ist, dass sich mit zunehmender Bedrohung jüdische Paare dennoch häufig zur Heirat entschließen. Trauungen im Rathaus sind ihnen jedoch nicht mehr erlaubt. Weil die jüdische Eheschließung (Chuppa) mit vielen Gästen in der Synagoge große Risiken birgt, entscheiden sich immer mehr Heiratswillige für eine improvisierte Trauung zu Hause.


Foto:

Die jüdische Hochzeit von Noach Mok und Betsie (Betje)Turksma im Garten eines Wohnhauses in Haarlem. Juden treffen sich nicht mehr in großen Gruppen in Synagogen, weil das Risiko hoch ist, dort Opfer einer Razzia zu werden. Während der Razzia vom 20. Juni 1943 wird das Ehepaar aufgegriffen und noch keine drei Wochen später im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen ermordet. Noach ist 27 Jahre alt, Betsie 19.

 
Jüdisches Historisches Museum, 29. Juli 1942

Jüdisches Historisches Museum, 29. Juli 1942

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Bedrohung

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Bedrohung

Foto:

Es ist Januar 1943. Ralph Polak und Miep Krant schlendern scheinbar unbekümmert über den Dam, den zentralen Hauptplatz von Amsterdam. Die Aufnahme stammt von einem Straßenfotografen, der Passanten fotografiert und ihnen die Bilder zum Kauf anbietet. Das Paar ist verlobt und macht Pläne für die Zeit nach dem Krieg. Der Abtransport von Juden in das Lager Westerbork im Nordosten der Niederlande ist zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange. Aber glückliche Momente des Zusammenseins lassen sich Miep und Ralph nicht nehmen. Der Judenstern auf ihren Mänteln symbolisiert die ständige, existentielle Bedrohung. Kurze Zeit nachdem diese Aufnahme entstand, wird Miep bei einer Razzia verhaftet. Am Sammelplatz für Juden im ehemaligen Theater Hollandsche Schouwburg wartet sie auf den Transport nach Westerbork. Kurz vor ihrer Abfahrt gelingt es Ralph, der für den Jüdischen Rat arbeitet, sie freizubekommen. Miep taucht in Baarn unter. Die Situation der Untergetauchten verschlechtert sich schnell und Miep wird zusehends schwächer. Ein Hungerödem wird ihr fast zum Verhängnis. Als untergetauchte Jüdin kann sie nicht in einem Krankenhaus aufgenommen werden. Während der letzten großen Deportationen von Juden aus Amsterdam, am 29. September 1943, springt Ralph aus dem Zug und taucht unter. Beide überleben den Krieg und heiraten nach der Befreiung.

 
Jüdisches Historisches Museum, Januar 1943

Jüdisches Historisches Museum, Januar 1943

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Jüdische Arbeitslager

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Jüdische Arbeitslager

Die deutsche Besatzungsmacht beschließt 1942, arbeitslose jüdische Männer in Arbeitslagern im Norden und Osten der Niederlande zu internieren. Die Männer werden von ihren Familien getrennt und sind damit leichter zu kontrollieren. Faktisch sind die Arbeitslager jedoch „Wartezimmer“ für die spätere Deportation ihrer Insassen. Die Zwangsarbeit trifft mit Hitlers Entschluss zusammen, Juden aus ganz Europa in Vernichtungslager zu deportieren. Die insgesamt 7500, die einen Aufruf zur Zwangsarbeit erhalten haben, müssen Grabungsarbeiten auf der Heide durchführen und Straßen oder Wege anlegen.  Anfangs ist das niederländische Lagerregime nachsichtig, auf deutschen Druck werden die Regeln der Lagerverwaltungen später strenger. Fotografieren und die Aufnahmen nach Hause schicken, ist erlaubt. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1942 werden alle jüdischen Arbeitskräfte unter dem Vorwand der Familienzusammenführung aus Dutzenden jüdischen Arbeitslagern in das „Polizeiliche Durchgangslager“ Westerbork im Nordosten der Niederlande gebracht. In derselben Nacht werden ihre Frauen und Kinder zu Hause „abgeholt“. Im Oktober 1942 fahren neun Züge mit rund 12.000 Juden nach Auschwitz.


Foto:

Jüdische Männer bei der Arbeit in der Umgebung des Arbeitslagers Kremboong in Drenthe. Das Lager ist für 240 Personen ausgelegt. Unter Aufsicht der Nederlandse Heidemaatschappij müssen die Insassen Bäume fällen und Heidefelder urbar machen.

 
Privatsammlung, 1942

Privatsammlung, 1942

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Jüdischer Rat

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Jüdischer Rat

Anfang 1941 nötigt die deutsche Besatzungsmacht die niederländischen Juden zur Gründung des „Jüdischen Rats“. Schnell wächst er zu einer Administration mit Tausenden Mitarbeitern, die den Alltag der Juden im Auftrag der Besatzungsmacht bis in Details regelt. Der „Jüdische Rat“ laviert ständig zwischen der Kooperation mit den Besatzern und dem Einsatz für die Interessen der jüdischen Gemeinschaft. Er drängt die Juden in den Niederlanden, die deutschen Verordnungen unbedingt präzise zu befolgen, auch, wenn es dabei um die Deportation geht. Jede Abweichung, so begründet er diesen Kurs, würde noch härtere Maßnahmen der Besatzungsmacht nach sich ziehen. Unter dem Motto „Zu retten, was zu retten ist“, versucht der Rat, Juden vor der Deportation zu bewahren. Prominente niederländische Juden und die vielen Mitarbeiter des Rats bekommen so lange wie möglich eine vorübergehende Freistellung, also einen Aufschub der Deportation. Die lokale Abteilung des Rats in Enschede empfiehlt der jüdischen Bevölkerung, unterzutauchen. Am 29. September 1943 werden die letzten in Amsterdam wohnenden Juden verhaftet und nach Westerbork transportiert. Damit wird der „Jüdische Rat“ aufgehoben.


Foto:

Gedränge vor dem Eingang zum Hauptgebäude des „Jüdischen Rats“ an der Nieuwe Keizersgracht 58 in Amsterdam. Täglich warten hier Menschen mit Bittschriften, Anträgen und Fragen. Vor allem der Erhalt oder die Verweigerung des begehrten „Sperre-Stempels“ führt zu heftigen Emotionen. Der Stempel gewährt bis auf Weiteres die Freistellung von der Deportation. Er bietet also keine Garantie, aber ein Aufschub ist schon viel wert.


 
Jaap Kas, Stadtarchiv Amsterdam, 1942-1943

Jaap Kas, Stadtarchiv Amsterdam, 1942-1943

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Täter

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Täter

Die deutsche Besatzungsmacht bereitet die Deportationen der Juden aus den Niederlanden präzise vor. Eine kleine Organisation sorgt für eine „effektive“ Durchführung. Von Berlin aus erteilt Adolf Eichmann der SS und dem Sicherheitsdienst (SD) in Den Haag Anweisungen zur Anzahl der Juden, die zu einem bestimmten Termin in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert werden sollen. Für die Durchführung ist die Zentralstelle für jüdische Auswanderung verantwortlich. Bei Razzien werden schon bald niederländische Polizisten eingesetzt, während die Nederlandse Spoorwegen (Niederländische Eisenbahngesellschaft) dafür sorgt, dass der Transport ins Durchgangslager Westerbork problemlos verläuft. Polizisten vom Bureau Joodse zaken (Amt für jüdische Angelegenheiten), fanatische „Judenjäger“, aber auch gewöhnliche niederländische Bürger spüren jüdische Untergetauchte auf und liefern sie – oft gegen Belohnung – aus. Im Lager Westerbork übernehmen Angehörige der SS vom Wachbataillon Nord-West die Außenbewachung. Die niederländische Gendarmerie begleitet die jüdischen Zwangsarbeiter und Lagerinsassen zu ihren Arbeitseinsatzorten oder den Transportzügen. Dabei wird sie vom Joodse Ordedienst (Jüdischer Ordnungsdienst) unterstützt. Dieser Lagerpolizei, die aus Insassen des Lagers rekrutiert wurde, obliegt teilweise die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung im Lager.


Foto:

Niederländische Mitarbeiter des SD kontrollieren die Ausweise jüdischer Händler auf dem Briefmarkenmarkt am Nieuwezijds Voorburgwal in Amsterdam.


 
Bart de Kok, NIOD, Sommer 1942

Bart de Kok, NIOD, Sommer 1942

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Deportationen

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Deportationen

Unter der verschleiernden Bezeichnung „Arbeidsverruiming onder politietoezicht“ („Arbeitseinsatz unter Polizeiaufsicht“) müssen sich ab dem Juli 1942 die ersten großen Gruppen von Juden in den Niederlanden für den Transport in „Arbeitslager“, angeblich in Deutschland, melden. Damit ist ein weiterer Schritt hin zur Vernichtung getan. Per Einschreiben erhalten die Juden den Aufruf, sich mit begrenztem Gepäck zu einem festgelegten Zeitpunkt an einem angegebenen Ort einzufinden. Ab dem 20. Juli 1942 dient das ehemalige Theater Hollandsche Schouwburg – seit 1941 in Joodsche Schouwburg (Jüdisches Theater) umbenanntals wichtigste „Sammelstelle“ für die Deportationen. Zum Transport aufgerufene Juden tun alles, um beim „Jüdischen Rat“ einen Aufschub zu erwirken – auch wenn er nur vorübergehend ist. Als sich zu wenige Juden auf die Aufrufe hin melden, erfolgen Razzien, die unter Mitarbeit niederländischer Polizisten durchgeführt werden. Das erste Ziel liegt im Nordosten des Landes, wo das ehemalige Flüchtlingslager Westerbork jetzt als zentrales Durchgangslager dient.


Foto:

Verhaftete untergetauchte Juden werden bei einem Rangiergelände in Amsterdam-Ost abgeliefert, wo Züge für die Deportation nach Westerbork bereitstehen. Im Vordergrund Mitglieder des niederländischen Polizeibataillons.


 
Bart de Kok, NIOD, 6. Juli 1943

Bart de Kok, NIOD, 6. Juli 1943

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Untertauchen

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Untertauchen

Der Handlungsspielraum der Juden in den Niederlanden wird während der deutschen Besatzung aufgrund der sie immer mehr einschränkenden Maßnahmen ständig geringer. Den meisten bleibt kaum eine andere Wahl, als den gefürchteten Augenblick der Deportation abzuwarten. Dennoch entscheiden sich 28.000 Juden, unterzutauchen. Nahezu die Hälfte von ihnen wird verhaftet, häufig nach einer Denunziation. Wenn sie einen Aufruf zum Transport ins Lager Westerbork erhalten, wissen viele nicht, was sie machen sollen. Untertauchen ist ein Sprung ins Ungewisse mit weitreichenden Folgen. Viele unterschätzen die mit der Deportation verbundene, nahezu sichere Todesgefahr und ordnen deshalb die Risiken des Untertauchens nicht richtig ein. Daneben sind Geld und mutige, nicht-jüdische Helfer erforderlich, die zu einem Versteck verhelfen. Säuglinge und kleine Kinder haben die größten Überlebenschancen, wenn die verzweifelten Eltern bereit sind, ihre Kinder meist völlig fremden Menschen anzuvertrauen. Die Verstecke sind sehr unterschiedlich. Sie befinden sich auf dem Land oder in Städten, manchmal in der freien Natur oder in der eigenen Wohnung, oft bei Fremden und manchmal bei nicht-jüdischen Familien. Die Verstecke werden nur selten fotografiert, um dem Risiko vorzubeugen, entdeckt zu werden.


Foto:

Das jüdische Ehepaar Paul und Selma Stibbe-de Raaij taucht bei dem befreundeten Ehepaar Hof in Den Haag unter. Formell wohnt nur Betty Hof im Haus, ihr Mann Eddy hat sich in der eigenen Wohnung versteckt, um der Zwangsarbeit im Deutschen Reich zu entgehen. Die Untergetauchten üben, wie sie bei drohender Gefahr schnell ein Versteck erreichen. Nach einer Razzia, die fast zur Entdeckung geführt hätte, taucht das Ehepaar Stibbe an einem anderen Orten unter. Alle überleben den Krieg.  

 
Privatsammlung, 1943

Privatsammlung, 1943

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Untertauchen und Widerstand

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Untertauchen und Widerstand

Die Lebensumstände der Untergetauchten sind extrem schwierig und bedrückend. Ohne Privatsphäre, meist isoliert von der Außenwelt, nehmen Spannungen unter den Geflüchteten schnell zu. Die Angst vor Verrat ist ihr ständiger Begleiter. Jeden Moment können Verstecke bei einer Razzia entdeckt werden. Zu Beginn der Deportationen gibt es kaum organisierte Hilfe beim Untertauchen. In bescheidenem Ausmaß entstehen dann Versorgungsgruppen. Einige konzentrieren sich auf die Rettung jüdischer Kinder. Manchmal beteiligen sich Untergetauchte an Aktivitäten des Untergrundes – der prozentuale Anteil von Juden im niederländischen Widerstand ist relativ hoch. Andere versuchen die Flucht ins Ausland, über die von der Wehrmacht besetzten Länder Belgien und Frankreich in das neutrale Spanien oder die neutrale Schweiz – mit dem Risiko unterwegs gefasst oder an den Grenzen abgewiesen zu werden. Als der Widerstand Mitte 1943 breiter und besser organisiert ist, hat man die meisten Juden jedoch bereits deportiert. Die deutsche Sicherheitspolizei und der Sicherheitsdienst (SD) und ihre niederländischen „Judenjäger“ suchen bis Kriegsende nach untergetauchten Juden. Antisemitismus, Geldgier oder beides waren Motive der skrupellosen „Judenjäger“. Auch Unvorsichtigkeit und Verrat führen dazu, dass viele jüdische Untergetauchte aufgegriffen werden.


Foto:

Auf dem Dachboden des Katasteramtes von Haarlem ist das jüdische Ehepaar Juda Tas und Esther Tas-Calo untergetaucht. Auf einem umgebauten Fahrrad lädt Juda Tas den Akku für ein Radio des Widerstands, der in diesem Gebäude Untergrundzeitungen herstellt, und liest dabei die illegale Zeitung Het Parool (Die Parole).

 
NIOD, 1944

NIOD, 1944

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Lager Westerbork

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Lager Westerbork, Vorhof von Auschwitz

Am 14. Juli 1942 erreicht der erste Transport mit Juden aus Amsterdam Westerbork. Schon am nächsten Tag fährt ein Zug in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Manche bleiben nur wenige Stunden, andere Tage oder Wochen. Obwohl offene Gewalt nicht den Lageralltag prägt und in Westerbork auch niemand Hunger leidet, ist das Leben dort hart und bedrückend. Die einfach gebauten Wohnbaracken sind überfüllt, Privatsphäre gibt es nicht, die hygienischen Umstände sind katastrophal. Immerhin gibt es Einrichtungen wie Schulen, einzelne Geschäfte, Zahnärzte und eine Krankenstation. Viele Gefangene sind täglich in den Werkstätten oder auf dem Land in der näheren Umgebung zur Arbeit eingesetzt. Wer keine Arbeit hat, kann nur ziellos herumlaufen. Um dem ständigen Druck für eine Weile zu entkommen, suchen die Lagerinsassen ihre Zuflucht in Entspannung; sie machen Musik und nehmen an Sportwettkämpfen teil. Der deutsch-jüdische Gefangene, der Fotograf und Kameramann Rudolf Werner Breslauer, fotografiert und filmt das Lagerleben im Auftrag des Lagerkommandanten Albert Konrad Gemmeker.


Foto:

Eltern mit ihrer Tochter auf Holzschuhen auf einem der schlammigen Wege im „Polizeilichen Durchgangslager“ Westerbork. Sie haben einen Topf mit Essen geholt.

 
NIOD, November 1942

NIOD, November 1942

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93 Züge

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93 Züge

Im „Polizeilichen Durchgangslager“ Westerbork, im Nordosten der Niederlande, dreht sich alles um den gefürchteten „Transport“, der fast wöchentlich am Dienstag „in den Osten“ fährt. Jenseits von Westerbork liegt das Unbekannte. Von dort kommt kein Lebenszeichen mehr. Zwischen dem 15. Juli 1942 und dem 13. September 1944 fahren insgesamt 93 Züge ungehindert vom Lager in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Außerdem wird ein Transport in der Hollandsche Schouwburg und einer im Konzentrationslager Vught zusammengestellt. Anfangs fahren die Züge vom nahegelegenen Bahnhof Hooghalen ab. Nachdem die Gleisverbindung ab Hooghalen fertiggestellt ist, fahren sie direkt ab dem Lager. Es werden vor allem Güterwaggons eingesetzt. In der Nacht vor dem jeweiligen Transport lesen jüdische Barackenführer die Namenslisten vor, was zu verzweifelten Reaktionen der betroffenen Lagerinsassen führt. Begleitet vom Joodse Ordedienst (Jüdischer Ordnungsdienst), begeben sich die zur Abfahrt „in den Osten“ bestimmten Lagerinsassen mit ihrem Gepäck zum wartenden Zug. Lagerkommandant Gemmeker und seine Untergebenen beschränken sich auf die Überwachung. Nach der Abfahrt herrscht große Niedergeschlagenheit. Neben dem berühmt gewordenen Film über Westerbork sind berührende Fotos der Transporte, die im Auftrag der Lagerleitung entstanden, erhalten geblieben.


Foto:

Abfahrtsort der ersten Deportationszüge aus Westerbork ist noch der kleine Bahnhof Hooghalen, fünf Kilometer außerhalb des Lagers. Dabei spielen sich chaotische Szenen ab. Bewacht von niederländischer Gendarmerie schleppen Deportierte ihr Gepäck zum Zug. Sie werden in dem Glauben gelassen, dass sie ihre Decken und warme Kleidung am neuen Aufenthaltsort brauchen werden. Diese Fotoserie der frühen Transporte vermittelt ein eindringliches Bild der dramatischen Abfahrt. Nachdem die Gleisverbindung fertiggestellt ist, fahren die Züge ab dem 2. November 1942 direkt vom Lager ab.

 
The Ghetto Fighters’ House, Israel, Das Photoarchiv, 1942

The Ghetto Fighters’ House, Israel, Das Photoarchiv, 1942

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Vernichtung

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Vernichtung

93 Deportationszüge verlassen das Durchgangslager Westerbork. Ziel der 16 Züge mit insgesamt 8618 Juden ist Theresienstadt oder Bergen-Belsen. Die 34.313 Juden auf dem Weg ins Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen, werden bei Ankunft sofort vergast. 58.380 Deportierte fahren nach Auschwitz. Nach Ankunft in Auschwitz-Birkenau findet an der Bahnrampe von Birkenau die Selektion statt. Männer und Frauen werden voneinander getrennt. Männer, die für arbeitsunfähig gehalten werden, die meisten Frauen mit Kindern, ältere und alte Menschen wurden sofort abgeführt und in den Gaskammern ermordet. Am 13. September 1944 verlässt der letzte Deportationszug mit 279 Menschen das Lager Westerbork mit dem Ziel Bergen-Belsen. Erst nach der Befreiung wird das Schicksal der Deportierten im vollen Umfang bekannt. Fast 107.000 der insgesamt 140.000 Juden, die vor 1940 in den Niederlanden lebten, wurden von den Mitarbeitern der Dienststellen der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) mit Hilfe niederländischer Behörden, vor allem der niederländischen Polizei, deportiert. Mindestens 102.000 von ihnen wurden ermordet oder starben in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern in Folge der unmenschlichen Lebensbedingungen. Ungefähr zweitausend Juden aus den Niederlanden wurden von den besetzen Ländern Belgien und Frankreich aus deportiert und ermordet.


Foto:

Bei der Ankunft ungarischer Juden im Mai 1944 sind Häftlinge des so genannten Kanada-Kommandos dabei – auf dem Foto an ihrer gestreiften Häftlingskleidung zu erkennen. Während auf der Rampe Männer und Frauen voneinander getrennt werden und die Auswahl geeigneter Arbeitskräfte stattfindet, sammelt dieses Kommando die Besitztümer der Deportierten ein. Die Identität zweier Männer des Kanada-Kommandos auf dem Foto konnte festgestellt werden: ganz links Jaap van Gelder (später Ya’acov Ben-Dror) und neben ihm Jaap de Hond. Der Mann mit dem Rücken zum Betrachter ist aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls Niederländer: Maurice Schellevis (später Schellekes). Alle drei waren im Sommer 1942 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz eingeliefert worden und haben überlebt.

 
United States Holocaust Memorial Museum

United States Holocaust Memorial Museum

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Rückkehr

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Rückkehr

Für den Großteil der nicht-jüdischen Niederländer bedeutet die Befreiung von der deutschen Besatzungsherrschaft im Mai 1945 das Ende eines Albtraums, den man schnell vergessen will. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet und die Bereitschaft, am Schicksal der jüdischen Landsleute Anteil zu nehmen, deshalb mehr als gering. Die jüdische Gemeinschaft ist vollkommen zerrüttet. Der Prozess der Reintegration der Juden in die niederländische Gesellschaft wird als schmerzlich und traumatisch erfahren. Die ehemaligen Untergetauchten und Überlebende der Konzentrationslager suchen mühsam und sehr oft vergeblich nach vermissten Angehörigen, nach Gegenständen, die sie zur Aufbewahrung hinterlassen hatten, und nach einer Wohnung. Es herrscht eine kalte, gefühllose Einstellung gegenüber den jüdischen Überlebenden und anti-jüdische Vorurteile leben wieder auf: Fünf Jahre anti-jüdischer Propaganda der Besatzungsjahre haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die niederländischen Behörden sind der Ansicht, eine gesonderte Fürsorge für jüdische Niederländer sei nicht notwendig. Die dezimierte jüdische Gemeinschaft muss zusehen, wie sie aus eigener Kraft wieder auf die Füße kommt und sich mühsam eine neue Existenz aufbaut.


Foto:

Jüdische Überlebende aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen kommen auf dem Flughafen Eindhoven an und warten auf die Erledigung von Formalitäten.

 
NIOD, 8. Juni 1945

NIOD, 8. Juni 1945

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